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Privatisierungen als Schlüssel zur Entwicklung
Ecuadors? Bericht über Hintergründe und Auswirkung der Privatisierungen in
Ecuador Inhalt: 1. Einleitung 2. Die Politische und Wirtschaftliche Entwicklung
Ecuadors 3. Hintergrund der Privatisierung: Neoliberale Entwicklungstheorie
und die „Washington Consensus“ 4. Privatisierung in Ecuador 4.1. Zeitlicher Abriss und
aktuelle Situation des Privatisierungsprozesses 4.2. Nutzen der Privatisierung 4.2.1. Effizienzsteigerung, verringerte Korruption 4.2.2. Haushaltsentlastung 4.2.3. Abbau der Auslandsverschuldung 4.2.4. Modernisierung durch Privatisierung? 4.2.5. Privatisierung und Beschäftigung 4.3. Kritik an der
Privatisierungsstrategie anhand der Erfahrungen Ecuadors 4.3.1. Kluft zwischen Theorie und Praxis? 4.3.2. Privatisierung und verbesserter Effizienz 4.3.2.Privatisierung und Haushaltssanierung/
Schuldenabbau 4.3.3. Privatisierung und Modernisierung/
Ausländische Direktinvestition 4.3.4. Privatisierung und Armut 5. Abschließende Bemerkungen Literatur Ausgearbeitet
von Simone Burkhart im Rahmen eines Praktikums bei der Friedrich-Ebert
Stiftung/ ILDIS (Instituto Latinoamericano de Investigaciones Sociales) in
Quito, Ecuador im Juli/September 2001 Simone Burkhart Hoheneggstr.
102 D-78464
Konstanz Email:
Simone_Burkhart@yahoo.de 1. Einleitung
Eine Welle von Privatisierungen überzog
Lateinamerika aber auch Nordamerika, Europa und die ehemals sozialistischen
Staaten des Ostblocks in den letzten Dekaden. Solche Privatisierungsprogramme
waren Ausdruck einer allgemeinen Tendenz einer stärkeren Marktorientierung
der Volkswirtschaften. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem damit
verbundenen Scheitern der Idee der Planwirtschaft wurde das neoliberale
Marktmodell auch als Strategie für Entwicklungsländer propagiert, welches
Wachstum und Prosperität versprach. Ein Entwicklungsmodell, das bis in die
letzten Jahre unter Wissenschaftlern relativ unangefochten war. Ecuador schloss sich der Tendenz einer stärkeren Betonung des Marktes
vergleichsweise spät Mitte der 90iger Jahre an, mit umfangreichen Plänen zur
Privatisierung von Staatsbetrieben unter anderen in den Sektoren
Telekommunikation, Elektrizität oder Infrastruktur. Der Prozess der
Privatisierung ist in Ecuador, wie in anderen Ländern nicht unumstritten
sondern führte und führt zu heftigen ideologischen Debatten über die Rolle
des Staates und die Fähigkeiten des Marktes. Befürworter versprechen sich
eine Reihe von Segnungen durch Privatisierungen wie die Erhöhung der
Effizienz ehemaliger Staatsbetriebe, Anziehung von ausländischen Investoren,
eine günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, langfristige
Entwicklungsperspektiven und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, um nur
einige zu nennen. Im Vertauen auf die Kräfte des Marktes fordern sie „einen aggressiven Privatisierungsplan mit
dem der Staat in kürzester Zeit seine Rolle als Produzent an den Privatsektor
überführt“[1] Andere
stehen diesen Visionen skeptisch gegenüber und weisen darauf hin, dass, was
in der Theorie Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung verspricht, nicht
ohne weiteres auf ein Entwicklungsland wie Ecuador angewandt werden kann.
Zudem übt man heftige Kritik an der Art und Weise des
Privatisierungsprozesses in Ecuador, die dazu dienen könnte „eine Anleitung zu schreiben, die lehrt,
wie man nicht privatisiert“[2].
Im weiteren sollen nach einem kurzen Abriss zur Geschichte und
Wirtschaftsentwicklung Ecuadors die theoretischen Hintergründe dieser Debatte
erörtert und am Beispiel des Prozesses der Privatisierung in Ecuador Vor- und
Nachteile sowie die Konsequenzen der Privatisierungen für Ecuador beleuchtet
werden. 2. Die Politische und Wirtschaftliche Entwicklung
Ecuadors
Ecuador blickt auf Dekaden von
politischer und wirtschaftlicher Instabilität zurück. Nach einer Militärdiktatur
wurde das Land Ende der 70iger Jahren in eine Demokratie überführt, aber
weder wurden politische Stabilität noch wirtschaftliche Entwicklung bis heute
erreicht. Wirtschaftlich ist Ecuadors einseitig auf den Export von Erdöl,
Bananen, Schrimps und Blumen sowie landwirtschaftliche Primärprodukte
ausgerichtet. 18% der Gesamtexporte sind Erdöl, 25% Bananen und 6%
Meeresfrüchte.[3] Allein der
Erdölsektor erwirtschaftet 28% der Staatseinnahmen. Damit ist das Land
natürlich anfällig und verwundbar gegenüber Schwankungen der Weltmarktpreise.
Eine hohe Auslandsverschuldung, Naturkatastrophen, ausufernde Korruption in
Politik und Wirtschaft und fehlende Politikkonzepte hinderten unter anderem
die Entwicklung des Landes in den letzten Jahren. In den 70iger Jahren bescherte
die Entdeckung von Erdölvorkommen im Amazonasgebiet eine Periode des
wirtschaftlichen Aufschwunges mit jährlichen Wachstumsraten von 9%. Man
verfolgte eine Politik der Industrialisierung durch Importsubstitution. Die
Staatsausgaben stiegen stark an, eine Reihe von Staatsbetrieben wurden
gegründet. Das dafür nötige Kapital wurde durch umfangreiche Kreditaufnahme
im Ausland beschafft. In den 80iger Jahren wurde
Ecuador wie ganz Lateinamerika durch die Schuldnerkrise erfasst, die das Land
in eine schwere Wirtschaftskrise stürzte, vergleichbar mit der
Weltwirtschaftskrise der 30iger Jahren in Europa und Nordamerika. Da Ecuador
zu den am stärksten verschuldeten Ländern gehörte und immer noch gehört,
wurde das Land in besonders schwerem Maße getroffen. Als ab 1986 die Ölpreise
drastisch fielen sowie ein Erdbeben 1987 das Land heimsuchte und die einzige
Ölpipeline zerstörte, verschärfte sich die Lage weiter. Zwischen 1988 und 1992
versuchte man durch graduelle Reformen eine Stabilisierung der Wirtschaft zu
erreichen. Der Staat begann sich aus der Wirtschaft zurückzuziehen und seine
Ausgaben zu senken. Steigende Ölpreise entspannten die Lage ein wenig und ein
geringes Wirtschaftswachstum setzte ein. Die Inflation stieg jedoch und erreichte
eine Rate von 60% jährlich. Der 1992 ins Amt gewählte
Präsident Sixto Duran Ballen brachte einen umfangreichen Stabilisierungsplan
mit Unterstützung des IWF auf den Weg. Neben makroökonomischen
Stabilisierungsmaßnahmen sollte sich der Staat aus der Wirtschaftsaktivität
zurückziehen und der private Sektor gestärkt werden. Eine Reihe von
Gesetzesänderungen traten in Kraft, mit dem Ziel den Finanz-, Energie-,
Telekommunikations-, und Agrarsektor zu reformieren, die Bürokratie abzubauen
und die Staatsausgaben zu senken. Ecuador wurde Mitglied der WTO. 1995 brach
ein Krieg als Folge eines lange schwelenden Grenzkonfliktes mit Peru aus.
Nicht nur die Auswirkungen des Krieges und damit verbundene verstärkte
Verteidigungsausgaben belasteten Ecuador, zusätzlich erschütterten
Korruptionsskandale und eine schwere Bankenkrise das Land. Der 1996 neugewählte Präsident
Duran Bucaram, einst Kritiker von liberalen Reformen, versuchte, einmal ins
Amt gewählt, ebenfalls liberale Reformen durchzusetzen. Seine politische Glaubwürdigkeit
wurde durch Erpressungs- und Korruptionsskandale derart zerstört, dass
Massendemonstrationen 1997 seinen Rücktritt erzwungen. Sein Nachfolger Fabian
Alcarcon hatte mit einer neuen Ölpreiskrise und dem Klimaphänomen El Nino[4]
zu kämpfen. Da schon 1998 Neuwahlen ausgeschrieben waren, blieb Alcarcon
keine Zeit ein langfristiges Wirtschaftsprogramm zu entwickeln. Jedoch
begannen unter seiner Präsidentschaft Friedensverhandlungen mit Peru, die
unter seinem Nachfolger Jamil Mahuad in einen Friedensvertrag mündeten. 1999 erschütterte eine der
drastischsten Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Geschichte Ecuadors das
Land. Die Ursache hierfür bildeten fallende Ölpreise, die Finanzkrise in
Asien und Brasilien sowie neuerliche Verwüstungen durch „El Nino“ zusammen
mit hausgemachten Problemen wie Handlungsunfähigkeit und Uneinigkeit über
Wirtschaftsreformen auf politischer Ebene. Die Krise traf Ecuador so hart
durch die katastrophale Handhabung der Finanzkrise, die ihren Anfang 1994
nahm und beispielhaft für mangelhafte Umsetzung von Reformen und schlechtes
Krisenmanagement ist. Ab 1994 liberalisierte man umfassend das Bankenwesen,
ohne dass eine funktionierende Bankenaufsicht geschaffen wurde. Die Banken
vergaben in der Folgezeit unkontrolliert Kredite, häufig an Personen oder
Unternehmen, die diesen Banken nahe standen. Als durch diese Praktik mehreren
Banken die Zahlungsunfähigkeit drohte, erweiterte die Zentralbank ungesteuert
die Geldmenge, um Kredite an die vom Bankrott bedrohten Geschäftsbanken zu vergeben.
Da dadurch die Ursachen der Krise nicht behoben sondern nur hinausgezögert
und verschärft wurden, kam es im März 1999 zur akuten Krise. Die Bankguthaben
wurden eingefroren, was einer faktischen Enteignung der Sparer gleichkam,
während die Kreditvergabe fortgesetzt wurde. Zur Kapitalisierung der Banken
wurde eine Summe von 6 Mrd. US$ zur Verfügung gestellt (über die Hälfte durch
die Einfrierung der Bankkonten und damit zu Lasten der Sparer). Die damit
verbundene Emission trieb die Inflation auf 52% und entwertete den Sucre, die
damalige nationale Währung, drastisch. Die ökonomischen und sozialen Folgen
zeigten sich in einem Negativwachstum von 7,3%, der Verarmung weiter
Bevölkerungsschichten während die Einkommenskonzentration unter den oberen
sozialen Schichten zunahm. Pläne des Präsidenten das Land
zu dollarisieren und umstrittene Preiserhöhungen im öffentlichen
Transportwesen sowie für Haushaltsgas führten zu einem Aufstand der Indigina
Bewegung[5]
im Januar 2000. Der weitgehend friedliche Protest, begleitet von
Straßensperren und politischen Turbulenzen mündete schließlich im Sturz des
Präsidenten, der Rücknahme einiger Preiserhöhungen und in der Verpflichtung
der Regierung mit der Indigina Bewegung in einen Dialog über strittige Fragen
einzutreten.[6] Vizepräsident
Gustavo Noboa, der die Präsidentschaft übernahm, verfolgte die
Dollarisierungspläne seines Vorgängers weiter und so wurde gegen den
vehementen Widerstand der Bevölkerung der Dollar als neues offizielles
Zahlungsmittel eingeführt. Die ökonomischen Parameter für 2001 zeigen eine
Stabilisierung und leichte Erholung der ecuadorianischen Wirtschaft auf
geringem Niveau. Stabilisierend wirkt vor allem der Abschluss der
Verhandlungen mit einem internationalen Konsortium im Februar 2001 zum Bau
einer neuen Ölpipeline im Amazonasgebiet. Das Konsortium kündigte ein
Investitionsvolumen von 1,1 Milliarden US$ über einem Zeitraum von 2 Jahren
an. Von zusätzliche Investitionen verspricht man sich ein
Gesamtinvestitionsvolumen von 2 Milliarden US$, was etwa 13% des BIP
entspricht.[7] Für die
nahe Zukunft stehen schwierige Verhandlungen mit dem IWF zur Stabilisierung
und Schuldentilgung bevor. Geforderte Reformen scheinen politisch schwer
durchsetzbar und sozial höchst problematisch. 3. Hintergrund der Privatisierung: Neoliberale
Entwicklungstheorie und die „Washington Consensus“
Die Reformempfehlungen für
Entwicklungs- und Transformationsländer der letzten Dekade werden oft unter
dem Schlagwort “Washington Consensus” zusammengefasst. Der Ökonom John
Williamson prägte den Begriff im Jahre 1990[8].
Unter den Washington Consensus fasst man 10 Politikempfehlungen für
marktorientierte Wirtschaftsreformen[9]
die primär auf Liberalisierungen im Handel und Wirtschaft und eine
Verkleinerung des Staates fokussieren. Eine Ideologisierung des Begriffs
setzte ein, die selbst von Williamson (1999) als Marktfundamentalismus der
Methode „let's bash the state, the
markets will resolve everything“, verurteilt wird. Jedoch war es genau
diese Interpretation, die als Ausgangspunkt für die Reformprogramme mit
Unterstützung des IWF in Lateinamerika und Osteuropa zu Beginn der 90er galt.
Besonderes Augenmerk der Reformer richtete sich auf Privatisierung,
Deregulierung und Handelsliberalisierung. Schon 1994 wurde der Mangel dieser
Reformpakete deutlich, als sich in vielen Reformstaaten Lateinamerikas und
Osteuropas nicht der erhoffte und prognostizierte Erfolg einstellte. Die
Asienkrise Ende der 90er Jahre brachte die Reformkonzepte aufs Neue in
Misskredit. Während Vertreter der starren marktorientierten Version eine
halbherzige und unzureichende Implementierung der Reformen für dessen
Scheitern verantwortlich machen, machten mehr und mehr Wissenschaftler die
Schwäche und Vernachlässigung von Institutionen als Hauptgrund für die
unbefriedigten Resultate aus. Es fehle an funktionierenden
Marktkontrollmechanismen, angefangen von Monopolkontrolle über ausreichende
Kontrolle der Finanzmärkte oder einem funktionierendes Steuer- und
Rechtssystem, ganz zu schweigen von sozialen Leistungen für die Bevölkerung. Moises Naim (2000) stellt hierzu
fest: "it became apparent that
stronger, more effective institutions were urgently needed to complement
macroeconomic policy changes”. Wieder andere Wissenschaftler
fordern ein generelles Überdenken der neoliberalen Konzepte, da sich diese
als unbrauchbar herausgestellt hätten, die Entwicklung in Staaten der Dritten
Welt oder Transformationsstaaten des Ostblocks nachhaltig und erfolgreich
voranzutreiben. 4. Privatisierung in Ecuador
4.1.
Zeitlicher Abriss und aktuelle Situation des Privatisierungsprozesses
Unter Privatisierung versteht
man im Allgemeinen die Transformation von Eigentum des Staates oder die
staatliche Kontrolle über den Öffentlichen Sektor (Bereiche wie
Telekommunikation, Infrastruktur, Abbau von Rohstoffen etc.) in den Bereich
des Privatsektors. In Anbetracht der Tatsache, dass Ecuador vergleichsweise
spät ein Privatisierungsprogramm auf den Weg brachte, wird es oft als
„Nachzügler“ bezeichnet[10].
Als „Pionier“ der
Privatisierung wird häufig Chile zitiert, dass mit einer großen
Privatisierungswelle schon 1973 begann, also noch vor den neoliberalen
Reformen in Großbritannien unter Thatcher und den USA unter Reagan. In
Lateinamerika folgten Venezuela (1981), Mexiko (1983), Jamaika (1985), Costa
Rica, Kolumbien (1986), Peru, Bolivien, Brasilien (1988), Argentinien (1989)
und Paraguay (1990). In Ecuador begannen unter der
Regierung von Präsident Sixto Duran Ballen (1992-96) Bestrebungen des
Staates, den Anteil des öffentlichen Sektors in der Wirtschaft zu verringern.
Das „Gesetz zur Modernisierung des Staates“[11]
bildete dafür die gesetzliche Grundlage, und wurde im Dezember 1993 durch den
Nationalkongress verabschiedet. Zwei Hauptziele sind in diesem Gesetz
verankert: Erstens, die Restrukturierung der Verwaltung des Staates durch
eine effizientere, rationalere und dezentrale Verwaltung. Zweitens, die
Privatisierung von ineffizienten Staatsbetrieben. Im 5.Kapitel des Gesetzes[12]
heißt es, dass in den Sektoren Trinkwasserversorgung, Bewässerung, Sanierung,
Stromversorgung, Telekommunikation, Straßenbau, Häfen, Flughäfen,
Schienennetz, Postdienste und ähnlichen Bereichen private und gemischte
Unternehmen[13] die
Bereitstellung von Dienstleistungen übernehmen können. Die Ausbeutung nicht
erneuerbarer Ressourcen bleibt dem Staat vorbehalten und diese Ressourcen
sind Staatseigentum. Der Staat kann die Ausbeutung dieser Ressourcen an
staatliche, private oder gemischte Unternehmen delegieren. Weiterhin sieht
das Gesetz zur Modernisierung des Staates die Schaffung der staatlichen
Modernisierungsbehörde CONAM[14]
vor, deren Aufgabe die administrative Überwachung, Koordinierung und
Durchführung des Gesetzes ist. Damit unterliegt CONAM auch die Durchführung
der Privatisierung von Staatsbetrieben. Als erster großer Staatbetrieb
wurde das Zementwerk „Cemento Nacional“ 1993 privatisiert. 1994 wurden zwei
private Telefondienstleister (Bellsouth und CONECEL) zugelassen. 1996
erfolgte die Privatisierung von „Ecuatoriana de Aviacion“, der nationalen
Fluggesellschaft. Insgesamt übertrug der Staat zwischen 1992 bis 1995 einen
Teil der Aktien von 14 Unternehmen mit staatlicher Beteiligung an den
Privatsektor. J. Mahuad versuchte während seiner Präsidentschaft von
1998-2000 einen schnellen Plan mit umfassenden Privatisierungen durchzusetzen.
Dieses Vorhaben scheiterte weitgehend an der Implementierung von notwendigen
Strukturreformen und am Widerstand im Congress. Spätestens mit dem Einsetzen
der schweren Wirtschaftskrise 1999 wurden einige Privatisierungsvorhaben
wieder auf Eis gelegt. Nach dem Reformprogramm von
1993 verabschiedete die Noboa Regierung am 13. März 2000 ein neues
Reformprogramm zur Überwindung der Wirtschaftskrise, das „fundamentale Gesetz
zur Wirtschaftstransformation in Ecuador“.[15]
Kern des Gesetzes bilden die Dollarisierung des Landes, weitreichende
Strukturreformen im Arbeitmarkt und im Erdölsektor (Privatunternehmen ist es
gestattet, Öl und Gas zu fördern sowie Pipelines zu bauen) sowie neuerliche
Privatisierungen. Schwerpunkt der aus dem Gesetz folgenden Privatisierungen
liegen in den Bereichen Telekommunikation (Andinatel und Pacifictel),
Elektrizität (INECEL) und den Häfen Esmeraldas und Puerto Bolivar, welche
gegen Ende dieses Jahres in private Hand überführt werden sollen sowie des
Hafens von Guayaquil zu Beginn des nächsten Jahres. Beispiele für die „Stopp and
Go“ Politik der Privatisierung in den letzen Jahren finden sich im
Telekommunikations- und Elektrizitätsbereich. 1995 wurde ein Gesetz zur
Telefonprivatisierung verabschiedet, welches vorsah, 35% der Aktien des
staatlichen Kommunikationsunternehmens „EMETEL[16]
, für 800 Mio. US$ zu verkaufen. EMETEL wurde in zwei Unternehmen
aufgespaltet: Andinatel und Pacifictel die jeweils unterschiedliche Regionen
versorgen. Diese Aktien wurden in einen Solidaritätsfond unter staatlicher
Kontrolle überführt. Der Verkauf der Aktien beider Unternehmen an private
Hand scheiterte zweimal: im November 1997 und im April 1998 am Widerstand im
Congress. Nachdem einige neue Privatisierungsvorschläge diskutiert wurden
(zum Beispiel der Verkauf von 51% statt 31% der Aktien), erklärte die
Regierung im Januar 2001, dass die Pläne für eine sofortige Privatisierung
aufgegeben werden und stattdessen ein internationaler Investor gesucht werden
soll. Von einer Privatisierung verspricht man sich eine Verbesserung dieser
weitgehend unterentwickelten Dienstleistung: nur 6 von 100 Personen besitzen
im Moment einen Telefonanschluss, wobei die Telefonleitungen auf die zwei
größten Städte des Landes konzentriert sind. 1996 verabschiedete der
Congress ein Gesetz zur Privatisierung des Elektrizitätssektors. Seitdem
operieren einige kleine private Wasserkraftwerke und ein privater Anbieter in
Guayaquil, Ecuadors größter Stadt. Die Energieversorgung wird jedoch
weitgehend von dem Staatsunternehmen INECEL sichergestellt. Zunächst war
geplant, die Privatisierung von INECEL 1998 abzuschließen, was scheiterte.
Ein neuer Anlauf soll im September diesen Jahres unternommen werden. 51% der
Aktien von INECEL sollen am 28. September versteigert werden. Doch beschert das
Privatisierungsvorhaben einigen öffentlichen Disput[17].
Der Vorwurf der Privatisierungsgegner: Unternehmen seien nur an Gewinnen
interessiert, nicht an einer Versorgung der Bevölkerung. Die Erfahrung zeige,
dass alles was privatisiert wurde, eine schlechtere und teurere Versorgung
nach sich zöge. Man fürchtet weiterhin Arbeitslosigkeit und Preiserhöhungen.
Der Tenor lautet: Wasser und Licht sind zu wichtige Bereiche für die
Bevölkerung als dass sie privatisiert werden sollten. Schätzungen über den
Wert des Unternehmens INECEL belaufen sich auf 7 Milliarden US$, während die
Regierung lediglich einen Preis von 1,206 Milliarden US$ festgesetzt hat. Oft wurde der zögerliche
Prozess der Privatisierung im Vergleich zu anderen Ländern kritisiert:
Zwischen 1994 und 1996 erreichten die Privatisierungen einen Umfang von 147
Millionen US$. Damit liegt Ecuador an der untersten Skala im regionalen
Vergleich. Im selben Zeitraum privatisierten zum Beispiel Peru oder Venezuela
Staatsunternehmen in Wert von 5,98 Milliarden US$ bzw. 2,13 Milliarden US$[18].
Andererseits gab es in Ecuador nie Staatsunternehmen im großen Stil. 1991
existierten 72 Staatsunternehmen mit einem Staatsanteil von 100%, 42
gemischte Unternehmen mit einem Staatsanteil von über 50% und 53 Unternehmen
mit einem Staatsanteil unter 50%. Insgesamt gab es also nur 167 Unternehmen,
die für eine Privatisierung in Frage kamen.[19]
Vergleicht man diese Zahlen mit Chile, wo allein in der ersten
Privatisierungswelle zwischen 1973-78 259 Unternehmen und 103 Gesellschaften
mit Staatsbeteiligung privatisiert wurden oder mit Mexiko, wo es über 1.200
Staatsunternehmen gab, werden die unterschiedlichen Ausmaße deutlich. 4.2.
Nutzen der Privatisierung
Wie schon erwähnt fußt die umfassende
Privatisierungswelle in den Entwicklungsländern der 90er Jahre zumeist auf
dem neoliberalen Entwicklungsmodell. So auch in Ecuador, wo sowohl die
Reformpakete von 1993 als auch von 2001 mit Unterstützung des IWF
ausgearbeitet wurden. Die grundlegende Ideologie hinter diesen Maßnahmen ist
eine drastische Reduzierung der Rolle des Staates, zurückzuführen auf eine
generelle Skepsis gegenüber der Institution Staat: „Am Ende diesen Jahrhunderts finden in Lateinamerika wenige
Institutionen ein geringeres Prestige als der Staat. Die generelle
Wahrnehmung generalisiert, dass der Staat zu inkompetent, korrupt und
unbeweglich aufgrund seiner politischen Restriktionen ist, als dass er ein
Instrument sei, dem man vertrauen kann, um Kollektivziele zu erreichen“[20].
Der Staat, so die Annahme, hat krankhafte Ausmaße erreicht, hemmt durch seine
Beteiligung im Wirtschaftssektor die wirtschaftliche Entwicklung des Landes
indem er Privatinitiative unterdrückt und ineffiziente Staatsunternehmen den
Haushalt belasten und das Problem der Verschuldung verschlimmern. Als Ausweg
aus der Krise des Staates und der Wirtschaft schlägt das neoliberale
Entwicklungsmodel den Weg einer drastischen Reduzierung des Staates vor. Der
optimale Staat sei ein kleiner Staat, der sich darauf konzentriert, die
innere und äußere Sicherheit zu garantieren und Basisdienstleistungen wie
Bildung oder Gesundheit bereitzustellen. Ansonsten solle sich der Staat
jedoch aus dem Wirtschaftsgeschehen zurückziehen und durch die Schaffung
eines gesetzlichen Rahmens die Einhaltung der Wirtschaftsordnung überwachen. 4.2.1.
Effizienzsteigerung, verringerte Korruption
Der Ausgangspunkt des
Privatisierungsgedankens ist, dass der Staat nicht zu einer effizienten
Nutzung von knappen Ressourcen fähig sei. Staatsunternehmen operieren in
einem Umfeld der Sicherheit, sind häufig Staatsmonopole und haben keine
Anreize, die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal zu nutzen. Nur
der Markt könne die notwendigen Anreizstrukturen zur Effizienzsteigerung
schaffen. Dies wiederum diene der Allgemeinheit, denn der Staatshaushalt wird
von Ausgaben für ineffiziente Unternehmen und Subventionen befreit, und kann
frei werdende Ressourcen für Zwecke wie Bildung oder Armutsbekämpfung
ausgeben. Werden staatliche Monopole zerschlagen und ein freier Wettbewerb
des Marktes geschaffen, so führe das nicht nur zu einer besseren
Ressourcenallokation sondern auch zu einer erhöhten Produktion, einer
besseren Anpassung der Produktion an die Bedürfnisse der Kunden und
verbilligten Preisen zum Wohle der Konsumenten. Da die Unternehmen nach einer
Privatisierung nationaler und internationaler Konkurrenz ausgesetzt sind,
verstärke sich zudem die (langfristige) Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.
Weiterhin würde der Staat von Korruptionspotential befreit. Ein kleiner Staat
sei besser kontrollierbar und Korruption leichter zu ahnden. Zudem lösen sich
die Verflechtungen zwischen Staat und Politik, welche in der Vergangenheit
immer wieder von Korruption betroffen war. Fallen Subventionen weg, so wird
auch ein weiterer Herd ständiger Korruption und Unterschlagung ausgelöscht.
Drastisch subventioniert war zum Beispiel Haushaltsgas, der wichtigste
Energieträger vor allem für Haushalte der unteren Einkommensschichten. 1998
lag der Gaspreis um das 10fache niedriger als in den Nachbarländern Peru und
Kolumbien, was den Schmuggel blühen und damit Geld des Staates versickern
ließ. 4.2.2.
Haushaltsentlastung
Eine durch Privatisierung
hervorgerufene und begleitende Rationalisierung und Reduzierung der öffentlichen
Ausgaben könne dazu beitragen, das Haushaltsdefizit zu verringern. Dies
ergibt sich einerseits daraus, dass der Staat unproduktiven Unternehmen keine
Geldmittel mehr gewähren muss, also von der Last der Subventionen befreit
wird. Weiterhin kann der Staat mit Steuereinnahmen sowie mit (einmaligen)
Privatisierungserlösen rechnen, und damit seinen Haushalt sanieren.
Ironischerweise wies der Haushalt Ecuadors ab 1989 einen Überschuss auf (1992
3% des BIP, 1993 2% des BIP), rutschte aber nach der Auflage des
Privatisierungsprogramms ins Defizit (0,9% des BIP im Jahre 1995 und 3,0%
1997[21]).
4.2.3.
Abbau der Auslandsverschuldung
Ein weiteres drückendes Problem
könne mit Privatisierungen zumindest teilweise gelöst werden: die enorme
Schuldenlast der meisten Länder Süd- und Lateinamerikas. Ecuador gehört zu
den stärksten verschuldeten Ländern der Region. Seit 1980 erhöhte sich die
Auslandsverschuldung Ecuadors von 3,53 auf 13,75 Mrd. US$ im Jahre 1999.
Damit ist die Auslandsverschuldung etwa genau so hoch wie das gesamte BIP
Ecuadors, was 1999 13,77 Mrd. US$ betrug. Die Gesamtverschuldung (interne und
externe Verschuldung) lag 1999 bei 18,95 Mrd. US$. 40% des Staatshaushaltes
werden zur Schuldentilgung verwendet, während 30% der Staatseinnahmen auf
Neuverschuldung zurückgehen[22].
Erlöse aus den Privatisierungseinnahmen könnten zum Teil zur Schuldentilgung
verwendet werden. 4.2.4.
Modernisierung durch Privatisierung?
Neben der immensen Armut ist
Unterentwicklung von Schlüsselsektoren wie Versorgung der Bevölkerung mit Elektrizität,
Trinkwasser, ausreichende Infrastruktur in den Bereichen Straßenbau,
Telekommunikation, Gesundheitswesen u.a. das schwierigste Problem Ecuadors
auf dem Weg zu einem „modernen Staat“. Einige Zahlen sollen die Ausmaße der
notwendigen Modernisierungsanstrengungen verdeutlichen: 42% der Bevölkerung
hat keinen Zugang zu Trinkwasser, 60% entbehren einen Zugang zu
Abwassersystemen. 56% ist an keine Müllbeseitigung angeschlossen, 20% müssen
ohne Elektrizität auskommen In ländlichen Gebieten sind diese Zahlen weit
alarmierender: 70% (Trinkwasser), 91% (Abwasser), 92% (Müllbeseitigung), 46%
(Elektrizität) haben hier keinen
Zugang zu der genannten Infrastruktur. Nur 18% der Gesamtbevölkerung und 4%
der Landbevölkerung besitzt einen Telefonanschluß, die Elektrizitätsversorgung
litt in den letzten Jahren wiederholt an Engpässen[23].
Bereiche der Verkehrs-, Schiff- und Fluginfrastruktur bedürfen einer
dringenden Modernisierung. Die Handelskammer Quito erarbeitete 1998 eine
Studie[24], die die
Investitionsdefizite in der Infrastruktur des Landes in den Sektoren Wasser-,
Abwasser- und Gesundheitsversorgung, Telekommunikation, Elektrizität,
Verkehrs-, Schiffsverkehr, und Flugwesen sowie im sozialen Sektor auflistet
und mögliche Finanzierungsmöglichkeiten aufzeigt. Die Berechnung ergab ein
notwendiges Investitionsvolumen von der astronomischen Summe von 22,41 Mrd.
US$, was mehr als das Anderthalbfache des BIP des Jahres 2000 darstellt und
höher als die gesamte Verschuldung des Staates ist. Für die Finanzierung
notwendiger Investitionen sei eine weitere Verschuldung des Staates oder eine
Involvierung des Staates ausgeschlossen, eine Finanzierung durch interne
Ersparnisse steht aufgrund der geringen internen Sparquote Ecuadors ebenfalls
nicht zur Diskussion. Als einzig möglicher Ausweg den Investitionsbedarf zu
decken, empfiehlt man die Anlockung ausländischer Direktinvestitionen (ADI)
durch umfassende Privatisierungsmaßnahmen und/ oder Konzessionen. Wenn
ausländischen Firmen die Möglichkeit gegeben wird, ehemalige Staatsbetriebe
zu erwerben, können diese mit Hilfe ihrer oftmals bedeutend höheren
Kapitalressourcen das Unternehmen sanieren sowie mit umfangreichen
Neuinvestitionen die Versorgungsleistung/ Produktion erhöhen und qualitativ
verbessern. Somit könnten ADI durch Technologietransfers zum Motor der
Entwicklung eines Landes werden, vorausgesetzt ein Land lässt seine Schranken
für ausländische Investitionen fallen. Eine Liberalisierung in diesem Sinne
erfolgte in Ecuador durch Gesetzesänderungen, die ausländischen Investoren
dieselben Rechte sichern wie nationalen Investoren, schon zwischen 1991 und
1993. Einige noch bestehende Restriktionen (für nationale wie internationale
Investoren) bestehen noch für den Erdölsektor, Bergbau, Elektrizität,
Telekommunikation und die Fischereiwirtschaft[25]. 4.2.5.
Privatisierung und Beschäftigung
Neben Arbeitslosigkeit ist
Unterbeschäftigung[26]
in Ecuador weit verbreitet. 9% der arbeitswilligen Bevölkerung war im Jahre
2000 arbeitslos, über 65,9% unterbeschäftigt. Nur 25,1% hatten einen regulären
Arbeitsvertrag, der Zugang zu Sozialversicherungsleistungen gewährt[27].
Die Situation verschärfte sich in den letzten Jahren mit dem Abbau von
Kündigungsschutz, Beschneidung von Gewerkschaftsrechten und der
Wirtschaftskrise. Die neoliberale Theorie geht davon aus, dass in
Staatsunternehmen normalerweise Überbeschäftigung herrscht, die im Falle
einer Privatisierung abgebaut wird. Langfristig werde sich jedoch durch
erhöhte Effizienz eine verstärkte Expansion der Unternehmen einstellen. Zudem
werden in Wettbewerbsmärkten neue Unternehmen des gleichen Sektors gegründet.
Diese zwei Faktoren sollten langfristig zu einer verstärkten Nachfrage nach
Arbeit und somit zu einer Reduzierung der Arbeitslosigkeit führen. 4.3.
Kritik an der Privatisierungsstrategie anhand der Erfahrungen Ecuadors
Auch bei neoliberalen
Reformanhängern setzt sich immer mehr die Auffassung durch, dass ein allein
auf den Markt orientiertes Reformkonzept nicht den entsprechenden Erfolg
bringen kann. Ohne einen funktionierenden Staat, der durch Institutionen
Monopole kontrolliert oder zerschlägt, die Sicherstellung eines
funktionierenden Rechtssystems den Markt reguliert und bei Marktversagen
einschreitet, greifen Reformen zu kurz. Während also eine Trendwende hin zu
einer stärkeren Berücksichtigung auf Institutionen in der neoliberalen
Theorie zu erkennen ist (obwohl Rezepte für eine erfolgreiche institutionelle
Reform weiterhin fehlen[28]),
bleibt die Rolle des Staates weiterhin einer der Kritikansätze für die
meisten Kritiker des Neoliberalismus. Für diese ist es fatal, den Staat als
Antagonisten zur Wirtschaft zu sehen, vielmehr solle der Staat eine aktivere
Rolle in der Entwicklung des Landes übernehmen. In Anbetracht der Tatsache,
dass die Staatsquote[29]
der meisten Entwicklungsländer weit unter dem Niveau der Industrieländer
liegt, halten sie die Behauptung, der Staat sei zu aufgebläht und zu stark in
die Wirtschaft involviert, für eine gefährliche Fehleinschätzung. Nach
Angaben der Weltbank lag die Staatsquote Ecuadors 1997 bei nur 12,4 % des BIP
im Vergleich dazu sind in den Industrieländer Westeuropas Quoten zwischen
40-54% zu finden, in den USA liegt die Staatsquote mit 30% niedriger, jedoch
immer noch bedeutend höher als in den meisten Ländern Lateinamerikas[30].
Nicht der Staatsumfang sei von entscheidender Bedeutung, es komme vielmehr
auf die Qualität des Staates an. In
einem Staat, in dem es keine effektive Markt- und Monopolkontrolle gibt, in
dem das Gerichtswesen nur leidlich funktioniert, in dem durch laxe
Bankenaufsicht die Finanzmärkte nicht ausreichend abgesichert sind, in dem
Korruption grassiert, könnten keine Reformen greifen. Eine weitere wichtige
Rolle spielt die Beteiligung und Absicherung der unteren
Bevölkerungsschichten. Die wenigsten Reformprogramme Lateinamerikas
enthielten wirksame Konzepte für die Absicherung der Bevölkerung vor den
Reformfolgen, wie Arbeitslosigkeit, Preissteigerungen für Basisprodukte und
Armut. Häufig wurde allein eine makropolitische Stabilisierung verfolgt, der Aufbau
eines funktionierenden sozialen Netzes jedoch wurde nicht angegangen. So ist
es auch nicht verwunderlich, dass ein Grossteil der Bevölkerung Ecuadors den
Reformkonzepten der Regierung skeptisch gegenüberstand und immer wieder durch
Massenproteste versuchte und versucht, selbige zum Fallen zu bringen. Das alleinige Vertrauen auf den
Markt scheint in der Wissenschaft zunehmend weniger Anhänger zu finden. Wie Rodik (2000) feststellt: „So we enter the 21 century with a better
understanding of the complementary between markets and the state a greater
appreciation of the virtues of the mixed economy. That is the good news. The
bad news is that the operational implications of this for the design of
development strategy are not that clear.” Und weiter: “every well-functioning market economy is a
mix of state and market, laissez faire and intervention.” Im Weiteren soll die Praxis der
Privatisierungen in Ecuador näher beleuchtet werden, ihre Ergebnisse
analysiert und nach Gründen für ihre oft nicht optimalen Ergebnisse gesucht
werden. Dazu werden die im letzten Kapitel erwähnten Vorteile aufgegriffen
und auf ihre Tauglichkeit in der Praxis überprüft. 4.3.1.
Kluft zwischen Theorie und Praxis?
Offen, transparent und nachvollziehbar sollte der
Prozess der Privatisierung nach Vorgaben des Gesetzes zur Modernisierung des
Staates ablaufen. Überstürzt und unausgegoren sei er in der Praxis gewesen,
so die Kritiker. Anstatt Korruption zu bekämpfen, hätten sich Korruption und
Vetternwirtschaft noch verschärft. Der Prozess der Privatisierung von
„Cemento Nacional“, dem staatlichen Zementunternehmen, war beispielsweise von
Skandalen begleitet: Eine niedrige und subjektive Werteinschätzung sei dem
Verkauf vorangegangen. Die Benachrichtigung potentieller Interessenten und
die Information der Bevölkerung seien mangelhaft verlaufen, so die Kritiker.
Außerdem lag der tatsächlich gezahlte Kaufpreis unter dem ursprünglich
ausgehandelten. Nach der Privatisierung war die Zementproduktion praktisch in
privater Monopolhand, verhinderte die Gründung von Konkurrenzunternehmen und
ließ die Preise für Zement und Folgeprodukte ansteigen. Nicht viel
glücklicher sehen die Resultate der Privatisierung der staatlichen Fluglinie
Ecuatoriana aus: seit ihrem Verkauf verlor sie Prestige, Passagiere und
Flugrouten. 4.3.2.
Privatisierung und verbesserter Effizienz
Während man theoretisch die
Effizienzsteigerung von Privatisierungen belegen kann, ist sie in der
Realität nicht immer anzutreffen. Entwicklungsländer wie Ecuador sind in den
seltensten Fällen durch ein System funktionierender Märkte gekennzeichnet. In
Ecuador überwiegen stattdessen Monopol- und Oligopolstrukturen: „In der Landwirtschaft, in der Industrie,
dem Servicesektor und den Banken gibt es eine minimierte Anzahl von
Unternehmen, die den Sektor kontrollieren. Diese Unternehmen unterhalten
Wirtschafts- sogar Familienbeziehungen und bilden Monopolgruppen. In all
diesen Gruppen sind Banken eingegliedert und umschließen die Gesamtheit der
Sektoren –Industrie, Services, Agrarindustrie, Kommunikation- und treten in
diesem Sinne wie Finanzgruppen auf.“ (Fundacion Jose Peralta: 1999 S.
237) Monopolgruppen haben in den letzten Jahren eine ständig steigende
Akkumulation von Kapital und Reichtum auf sich vereint. Die größte und
einflussreichste Monopolgruppe ist nach dem Gründer des Imperiums Luis Noboa
als NOBOA Gruppe bekannt, die ihre rasante Entwicklung dem Aufschwung des von
ihr kontrollierten Bananenexportes verdankt. Nach dem Tod von Luis Noboa
wurde sein Vermögen auf drei Teile innerhalb seiner Familie aufgeteilt. Das
Vermögen der Gruppe wurde 1997 auf 1,200 Mrd Dollar geschätzt, was 5% des BIP
Ecuadors entspricht. Insgesamt gehören über 100 Unternehmen dieser Gruppe an,
die 20.000 Menschen beschäftigt. Die „Fundacion Jose Peralta (1999) listet weitere
13 Wirtschafts- und Finanzimperien auf. Im Jahre 1996 vereinigten sechs
Monopolgruppen 62% der Exportdevisen auf sich. Diese Gruppen sind nicht nur
in sich selbst verbunden sondern pflegen auch politische Verknüpfungen.
Alvaro Noboa, einer der Erben des NOBOA Vermögens und reichster Mann Ecuadors
war 1998 Präsidentschaftskandidat, und unterlag nur knapp seinen
Herausforderer. Er gilt als möglicher Kandidat für die bevorstehenden Wahlen
2002 und war und ist stark in die Politik der größten Stadt Ecuadors,
Guayaquil, und der Küstenregion involviert. Man kann also in Ecuador nicht
von einem ausgeglichenen Wettbewerbsmarkt sprechen, vielmehr ist der Markt
von Monopol und Oligopolstrukturen geprägt. Eine finanzstarke Mittelschicht,
die als Konkurrent im Markt auftreten kann, existiert in Ecuador nicht. Somit
bestand die Gefahr, dass ehemalige Staatsmonopole direkt in Privatmonopole
überführt wurden. Diese Gefahr wurde vor allem dadurch verstärkt, dass eine
Privatisierungsstrategie eingeschlagen wurde, die diesen Prozess förderte:
Anstatt Aktien von Staatsunternehmen an breite Bevölkerungsschichten zu
verkaufen, wurden die Aktienpakete an ein einziges Unternehmen verkauft oder
an eine Gruppe von Anbietern. Innerhalb dieses Schemas, so der Vorwurf von
Gruzman (1998: S. 201), wurden Güter des Staates von enormem Wert zu Gunsten
wirtschaftlich konzentrierter Gruppen verkauft. Damit wurde aber die starke
Marktverzerrung, die in Ecuador herrscht, nur noch weiter verschärft, zu
Lasten von kleineren und mittleren Unternehmen. Selbst wenn man den
Wettbewerb gefördert hätte und es eine funktionierende Monopolkontrolle
gegeben hätte, bleibt die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, wie
Elektrizität oder Abwasserversorgung ein Sonderfall. Diese Dienstleistungen sind
fast ausnahmslos natürliche Monopole. Damit regelt der Markt die
Bereitstellung dieser Güter nur unvollkommen, man benötigt eine angemessene
Regelung und Kontrolle durch den Staat. Monopolstrukturen sind der
wirtschaftlichen Theorie nach niemals effizient. Sie nutzen ihre
Monopolstellung aus um Gewinne abzuschöpfen. Deswegen führte eine
Privatisierung der Art Ecuadors nicht zum Nutzen der Konsumenten, sondern im
Gegenteil zu ihrem Schaden, indem die Preise für Güter und Dienstleistungen
nicht fielen sondern stiegen. Ein Staatsunternehmen, so die Gegner der
Privatisierung, hat als primären Fokus nicht das Gewinnstreben, sondern die
Sicherstellung der Versorgung. Aus diesem Grunde sei es besser, bei
berechtigten Befürchtungen vor Marktversagen, der Existenz von
Monopolstrukturen oder natürlichen Monopolen, fehlendem Wettbewerb oder
extrem ungleich verteiltem Einkommen, Staatsunternehmen nicht in private Hand
zu überführen. Weiterhin bezweifeln Gegner
eines Marktfundamentalismus das Dogma, ein Staatsunternehmen sei praktisch
von sich aus immer ineffizient, wohingegen der Markt Effizienz schaffe.
Empirisch, so Alberto Acosta (1998: 108) sei es nur schwer nachprüfbar, dass
Staatsunternehmen ineffizienter operieren als Privatunternehmen. Um diese
These zu prüfen sei es notwendig, Märkte derselben Struktur untereinander zu
vergleichen. Kurz: Was für Wettbewerbsmärkte mit funktionierender
Monopolkontrolle gilt, ist nicht ohne weiteres auf einen Markt wie dem
Ecuadors zu übertragen, der über eine starke Marktkonzentration verfügt. Die
meisten Studien belegen, dass die Effizienz eines Privatunternehmens eine
Funktion des Wettbewerb ist: Je höher der Wettbewerb, desto effizienter
arbeiten private Unternehmen. In diesen Fällen sind sie Staatsunternehmen
vorzuziehen.[31] Aber
Wettbewerb allein schafft ebenfalls noch keine Effizienz. Ein effizientes
Unternehmen benötigt eine funktionierende und ressourcenschonende Verwaltung
und Unternehmensführung. Den meisten Unternehmen in Ecuador fehlt es jedoch
an administrativem und technologischem Know-how für eine effiziente
Verwaltung. Für die meisten Unternehmen ist es einträglicher die Protektion
durch den Staat zu suchen. Steuervergünstigungen oder Subventionen sind ein
Weg hierzu[32]. Im
Umfeld der weitverbreiteten Korruption in Wirtschaft und Staat, sind die
Chancen zum Erfolg dafür durchaus gegeben. Modernisierung und damit
einhergehende Effizienzsteigerung setzt einen Wechsel der Mentalität hin zu
der Betonung von Eigenverantwortung und Eigeninitiative, ein ausreichendes
Bildungsniveau der Bevölkerung, wirksame Korruptionsbekämpfung und
funktionierende Märkte voraus, etwas –so viele Kritiker- was nicht von heute
auf morgen durch ein Privatisierungsprogramm geschieht. 4.3.2.Privatisierung
und Haushaltssanierung/ Schuldenabbau
Um den Haushalt zu sanieren und
Schulden abzubauen, müssten aus Privatisierungserlösen erhebliche Summen
fließen. Sind jedoch Staatsunternehmen veraltet und haben einen hohen
Modernisierungsbedarf ist es eine Illusion anzunehmen, dass man ausreichende
Erlöse für einen wirksamen Schuldenabbau erwirtschaftet oder seinen
Staathaushalt langfristig sanieren kann. Die Erlöse der Privatisierungen von
1994 – 96 hätten gerade einmal 1% der Auslandsverschuldung abgebaut, wenn sie
vollständig in die Schuldentilgung geflossen wären. Vergegenwärtigt man sich
das Beispiel der Privatisierung der Staatsbetriebe der ehemaligen DDR so ist
es bezeichnend, dass die Treuhandanstalt mit einem Defizit als Schlussbilanz
aus den Verkäufen ging. Weiterhin sind Verkaufserlöse aus Privatisierungen
einmalige Einnahmen. Diese in den Staatshaushalt einzurechnen, ohne eine
spätere Ausgabenreduktion vorzunehmen, belastet den Haushalt in der Zukunft
und verlagert die Probleme nur auf eine spätere Zeit. 4.3.3.
Privatisierung und Modernisierung/ Ausländische Direktinvestition
Die Idee, durch Ausländische
Direktinvestitionen (ADI) eine dringend notwendige Modernisierung des Staates
zu erreichen, lässt in Ecuador mit positiven Resultaten auf sich warten. Obwohl
der Staat wesentliche Investitionshindernisse aus dem Weg räumte und
ausländische Unternehmen prinzipiell zu privatisierende Unternehmen erwerben
können, ist das Ergebnis in Ecuador unbefriedigend. Im Rahmen der
Globalisierung und der Standortdiskussion reicht es für ein Land nicht aus,
juristische Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Langfristige Gewinnaussichten,
Politische Stabilität, das gesamtwirtschaftliche Umfeld sind notwendige
Voraussetzungen für Investitionsentscheidungen. Im Umfeld von politischer
Instabilität und wirtschaftlicher Dauerkrise in Ecuador fließen ADI höchstens
in den profitträchtigen Ölsektor. „In the short and medium term, I
think prospects for more privatizations are very bad in Ecuador, and also in
some other Latin American countries such as Venezuela and Colombia. It's not
just the opposition to privatization. People are not investing down here
anymore. When you've got strong opposition and [an] economic crisis what
foreign investor is going to say, 'Okay, I want to buy a company there.'?"
bemerkt der ecuadorianische Ökonom Gustavo Arteta in der “Washington
Post“ (1999) 4.3.4.
Privatisierung und Armut
Zwischen Privatisierung, wie
sie versprochen wurde und wie letztendlich privatisiert wurde, liegen Welten.
Eine Privatisierung sollte vor allem auch den unteren Schichten der
Bevölkerung zugute kommen, durch bessere Versorgungsleistung, niedrigere
Preise und einer Belebung der Gesamtwirtschaft. Das Gegenteil wird von
Kritikern beklagt: anstatt die Einnahmen von „unten nach oben“ zu verteilen
und eine sinnvolle Redistributionspolitik zu betreiben, verteilte die
Privatisierung Ressourcen an die einflussreichsten und reichsten Gruppen des
Landes, so der Vorwurf von Alberto Acosta (1998). Armut[33]
und Einkommensunterschiede haben in den letzten Jahre rasant zugenommen:
zwischen 1995 und 2000 stieg die Zahl der Armen von 3,9 auf 8,4 Millionen
(das ist ein prozentualer Anstieg von 34% auf 71%). Die extreme Armut[34]
erhöhte sich im selben Zeitraum von 12% auf 35% der Bevölkerung. Drastisch ist
die Situation der Kinder: 75% von ihnen lebt in Armut. Gleichzeitig sanken
die Sozialausgaben pro Kopf um 22% für Bildung und um 26% für Gesundheit.[35]
Mit der ansteigenden Armut verschärfte sich auch die Unterschiede zwischen
Arm und Reich: 1990 vereinigten 20% der Ärmsten noch 4,6% der Einkommen auf
sich, während die 20% der Reichsten über 52% der Einkommen verfügte. 1995
verfügten 20% der Ärmsten über 4,1%, 1999 nur noch über 2,46% der Einkommen
während sich der Anteil der Reichsten auf 54,9% und 61,2% steigerte. Die
Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig und sicher nicht das
(alleinige) Resultat von Privatisierungen. Jedoch konnten
Privatisierungsmaßnahmen diese Entwicklungen nicht kompensieren und die Art
ihrer Durchführung trug eher zu einer Verschärfung der Situation bei.
Estache, Gomez-Lobo, und Leipziger (2000) kommen in ihrer Studie „Utility
Privatization and the Needs of the Poor in Latin America: Have We Learned
Enough to Get It Right?“ zu dem Ergebnis, dass arme Haushalte nicht zwangsläufig
zu den Verlierern einer Reform gehören müssen. Es existierten viele Beispiele
für Privatisierungen von denen untere soziale Schichten profitieren. Eine
Voraussetzung dafür ist, dass, wenn möglich, Wettbewerb geschaffen wird. Eine
der Schlussfolgerungen scheint entscheidend im Hinblick auf die Erfahrungen
in Ecuador: “Essentially what is needed is political
commitment to doing the right thing. If policy is weak before privatization,
it is going to be weak after privatization as well. Privatization is no
substitute for responsible policy on redistribution.” 5. Abschließende Bemerkungen
Es scheint symptomatisch für
die Wirtschaftspolitik Ecuadors, dass einzelne Reformmaßnahmen wie Mitte der 90er
die Privatisierungen und aktuell die Dollarisierung als Schlüssel für die
Entwicklung des Landes betrachtet werden. Wie die große ecuadorianische
Tageszeitung El Universo 1990 schrieb[36]:
„Das Staatsunternehmen, schwerfällig
und unrentable, kann vom einen auf den anderen Tag in ein blühendes
Unternehmen umgewandelt werden, indem man das „Magische Wort“ anwendet:
Dieses Wunderwort heißt „Privatisierung““. Die Erfahrungen Ecuadors
zeigen, dass neoliberale marktorientierte Reformen nicht greifen, wenn keine
institutionelle Reformen den Prozess begleiten und der Staat nicht fähig ist,
eine wirtschaftlichen Rahmen zu schaffen, in dem Wettbewerb herrscht.
Außerdem erscheint es wichtig, dass Maßnahmen zur sozialen Absicherung der
Bevölkerung die Reformprozesse begleiten. Was sind die Lehren aus der
offensichtlich nicht sehr glücklichen Erfahrung mit der Privatisierung in
Ecuador für die Entwicklung des Landes? Eine alleinige Orientierung auf den
Markt und eine Reform desselben genügt nicht. Hand in Hand muss eine
institutionelle Erneuerung einhergehen, der Staat muss funktionieren.
Inwieweit sich der Staat in die Wirtschaft einmischt ist wiederum eine
ideologische Frage, wirtschaftlich gibt es sowohl funktionierende Modelle mit
viel (wie die nordeuropäischen Wohlfahrtsstaaten) als auch das Gegenbeispiel
mit sehr geringer (der liberale Kapitalismus der Vereinigten Staaten)
Staatsbeteiligung. Aber die Rolle des Staates in den Reformkonzepte außen vor
zu lassen scheint einer der gravierendsten Fehler bei der Durchsetzung der
Reformkonzepte der 90iger Jahre gewesen zu sein. So stellt auch Williamson (1999) fest: The impact of privatization depends, in my
view, very much on how it is done: the sort of insider/voucher privatization
that happened in Russia allows the plunder of state assets for the benefit of
an elite, but a well-conducted privatization with competitive bidding can
raise efficiency and improve the public finances, with benefits to all,
including the poor. Leider gleicht die von Williamson beklagte
Privatisierungsstrategie Russlands in ihren Ergebnissen sehr der Ecuadors. Bleibt die Frage nach einer
besseren Strategie. Nach einer lauter werdenden Kritik am Neoliberalismus
erweiterte man das marktorientierte Konzept um die Forderung nach
funktionsfähigen Institutionen. In der Tat waren Länder am erfolgreichsten in
der Umsetzung von neoliberalen Reformen, die noch über funktionierende
Institutionen verfügten oder in denen die Erinnerung an solche noch präsent
war (wie in Polen). Leider fehlen bisher brauchbare praktische
Politikkonzepte, wie man im Falle unzureichend funktionierenden Institutionen
und/ oder einem korrupten Staat erfolgsversprechende liberale Reformkonzepte
durchsetzt. Viele raten von Versuchen weiterer
Schocktherapien ab, besonders in stark unterentwickelten Staaten mit hoher
Marktkonzentration: „The Experience
with development in the last half century reveals [a] striking fact: the best
performing countries are those that liberalize partly and gradually. All
these countries [the East Asian Countries and India] unleashed the energies
of their private sector, but did so in a cautious, controlled manner.”[37]
Auch hier führen die Wege wieder zu einem funktionierenden Staat, der
bemüht ist, die Kräfte des Marktes in bestimmte Bahnen zu lenken und den Finanzsektor
besonders in den ersten Phasen der Reformprozesse kontrolliert.[38]
Andere Entwicklungskonzepte
räumen dem Staat eine aktivere Rolle bei der Entwicklung des Landes ein. Der
Staat solle, so Alberto Acosta (1998), eine aktive Zusammenarbeit mit dem
Privatsektor suchen, jedoch nicht mit der finanzstarken Oligopolelite wie
dies in den letzten Jahren in Ecuador geschehen ist. Anstatt die Diskussion
über Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit fortzuführen, wäre es ratsamer sich
auf die Schaffung eines internen Marktes zu konzentrieren. Dieser Prozess
solle von einer stärkeren Beteiligung der Zivilgesellschaft begleitet werden,
etwas, was in den meisten angloamerikanischen Reformkonzepten keine Beachtung
findet und von Neoliberalisten als Zeitverschwendung und kontraproduktiv
bezeichnet wird[39].
Welchen Weg Ecuador auch
einschlagen wird, die Herausforderungen sind enorm, die Resignation in der
Bevölkerung nach vielen gescheiterten Reformversuchen groß. Armut, Korruption
und Unterentwicklung scheinen erdrückend. Im Allgemeinen scheint man sich
einig, dass die Praxis der letzten Jahre nicht mehr fortgeführt werden kann.
Von heute auf morgen sind sicher keine weitreichende Erfolge zu erwarten,
bleibt die Hoffnung, dass das Land langfristig seinen Weg finden wird. Literatur
ACOSTA, Alberto (1998): El Estado Como Solucion”, ILDIS,
Quito, Ecuador. ANDE (1998): “Estrategias para combatir la corruption en
Ecuador, No5: Privatizacion”, Quito, Ecuador BEHRMAN, J.R., BIRDSALL, N., SZEKELY, M (2000): “Economic
Reform and Wage Differentials in Latin America”, Inter-American Development
Bank, Research Department, Working Paper 435, Washington, DC, USA BUREAU OF ECONOMIC AND BUSINESS AFFAIRS, U.S. Department of
State (2000): 1999 Country Report on Economic Policy and Trade Practices –
Ecuador. Im Internet unter: www.state.gov/index.cfm
CAMERA DE COMERCIO DE QUITO, Departmente Economico (1998)
“La modernizacion del Estado, un imperativo nacional”, Segunda Edicion,
Quito, Ecuador. COMISION ANDINA DE JURISTAS(2001): “Servicio Publicos:
Privatizacion, regulacion y protecion al usario en Bolivia, Ecuador y
Venezuela”, primera edicion, Lima, Peru. CONAM (1994): “Modernazando todo. Privatizaciones y
Prestaciones de Servicios Publicos por parte de la iniciativa privata”,
Quito, Ecuador CORAGGIO J.L. (2000): “Politica social y Economia del
Trabajo: Alternativas a la politica neoliberal para la ciudad”. Capitulo II,
Quito, Ecuador DEPARTMANT OF STATE (1998): “Country Reports Ecuador: On
Economic Policy and Trade Practices”, Washington, DC, USA im Intrenet unter:
http://www.state.gov/www/issues/economic/trade_reports/index.html EL COMERCIO, 28.August 2001, A8 EL UNIVERSIO, 16. Mai 1990, A6 ESTACHE, A., GOMEZ-LOBO, A. and LEIPZIGER D.: “Utility
Privatization and the Needs of the Poor in Latin America: Have We Learned
Enough to Get It Right?”, Working Paper 2407, World Bank, Washington, DC, USA FUNDACION JOSE PERALTA (1999): “Ecuador: su realidad”,
Septima Edicion Actualiada, Quito, Ecuador. GRUZMAN, M. A. (1996): “Pobreza, Modernizacion del Estado
y Privatizacion en Ecuador”, Universidad del Azuay, GTZ, Quito, Ecuador. NAIM, M.
(2000): “Washington Consensus or Washington Confusion?” in Foreign Policy,
Spring 2000 RODRIK (1993): “Understanding Economic Policy Reform “ in:
Journal of Economic Literature, Vol. 34:1993, pp 9-41. RODRIK, D. (2000): “Development Strategies for the next
century”, paper prepared for presentation at the conference on “Developing
Economies in the 21st Century, Japan, im Internet unter:
http://ksghome.harvard.edu/~.drodrik.academic.ksg/devstrat.PDF SAMAN (1995): “Las empresas publicos y la reform del estado”,
Apunte Tecnico 30, CORDIS, Quito, Ecuador. WASHINGTON POST vom 24. März 1999, Seite 17A,: “Ecuador
Not Ready To Go to Market, Economic Reforms Are Slowed by Strikes”. Neben den besonderen Dank an ILDIS, soll hiermit auch den
Instituten FLASCO, CORDES und CONAM für ihre Unterstützung gedankt werden. |
||
[1] Vgl. ANDE (1998) S. 38
[2] Vlg. Acosta (1998) S. 40
[3] Daten von 1998, Quelle: Fundacion Jose
Peralta (1999: S. 231)
[4] Das Klimaphänomen „El Nino“ wird durch Turbulenzen der Atmosphäre im
pazifischen Ozeanraum hervorgerufen. Die Folge sind verstärkte Niederschläge,
die zu verheerenden Überschwemmungen führen können. Die Schäden des letzten „El
Nino“ in Ecuador werden auf 2,9 Milliarden US$ geschätzt.
[5] Die Indigina Bewegung, ein Zusammenschluss der Ureinwohner
Ecuadors, die etwa 22% der Gesamtbevölkerung ausmachen, ist die stärkste und
einflussreichste außerparlamentarische Kraft des Landes
[6] ein Versprechen, dass sich als Illusion erweisen sollte. Nach
Verzögerungs- und Hinhaltetaktik der Regierung kündigte die Indigina Bewegung
den Dialog mit der Regierung auf.
[7] Das Vorhaben ist natürlich aufgrund seiner ökologischen
Auswirkungen nicht unumstritten. Die neue Ölpipeline wird durch ein ökologisch
anfälliges und biologisch artenreichstes Gebiet des Amazonasregenwaldes führen.
Wirtschaftlich problematisch ist außerdem, dass nach verschiedenen Schätzungen
die Erdölvorhaben Ecuadors nur noch 10-25 Jahre reichen.
[8] John Williamson (1990): "What
Washington Means by Policy Reform" in: Latin American Adjustment How Much
Has Happened, Institute for
International Economics, Washington
[9] Dazu zählen: Haushaltsdisziplin, Verringerung der Staatsausgaben,
Steuerreform, Liberalisierung der Zinssätze, Liberalisierung der Wechselkurse,
Handelsliberalisierung, Liberalisierung der Gesetzgebung zu Ausländischen
Direktinvestitionen, Privatisierung, Deregulierung, Sicherung der
Eigentumsrechte
[10] Vgl zum Beispiel: Camera Comercio de
Quito (1998) S. 69
[11] „Ley de Modernizacion del Estado“ Ley No.
50. RO/ 349 de 31 de Dicembre de 1993
[12] Ley de Modernizacion del Estado“ Ley No.
50. RO/ 349 Capitulo V, Art. 41: A la Iniziativa Privada y Privatization
[13] Die Verfassung schützt insgesamt fünf Eigentumsformen, darunter
Staatliches Eigentum (Staat ist 100%iger Eigentümer, Privates Eigentum
(Eigentum ist zu 100% in privater Hand) und den gemischten Sektor, wo Staat und
Privatanteilnehmer zu unterschiedlichen Teilen an einem Unternehmen beteiligt
sind
[14] CONAM: Consejo Nacional de Modernización
del Estado
[15] Ley Fundamental para la Transformation Economica del Ecuador, “Trole I”
[16] EMETEL: Empresa Estatal de Telecomunicaciones
[17] Vgl. El Comercio, 28. August 2001
[18] Quelle: Cepal
[19] Zahlen von SENDA (Secretaria Nacional de Desarrollo Administrativo)
aus Gruzman (1996)
[20] Moises Naim (Ex Minister Venezuelas) über die Rolle des Staates in
ANDE (1998)
[21] Zahlen aus Camera Comercio de Quito
(1998)
[22] Quelle: Banco Central del Ecuador, Zusammengestellt durch CORDES
[23] Zahlen des Jahres 1995, Quelle: Mapa de la Pobreza, INEC, aus:
Comision Andina De Juristas (2001)
[24] Camera de Comercio de Quito, Departmente Economico (1998)
[25] Vgl. Bureau of Economic and
Business Affairs, U.S. Department of State (2000)
[26] Unterbeschäftigt sind Personen, die zwar einer Beschäftigung
nachgehen, diese jedoch zeitlich unter dem gewünschten zeitlichen Arbeitsumfang
liegt, die Bezahlung unter dem staatlichen Minimallohn liegt oder unter dem
Ausbildungsstand der Person.
[27] Daten von INEC (Instituto Nacional de Estadistico y Censos) im Internet
unter www.inec.gov.ec
[28] Vgl. Naim (2000)
[29] Die Staatsquote gibt den Prozentsatz des gesamten
Bruttoinlandproduktes an, der auf die Staatstätigkeit zurückgeht
[30] Quelle: Weltbank
[31]
Vgl. Estache, A., Gomez-Lobo, A., Leipziger, D. (2000)
[32] In der wissenschaftlichen Theorie sind diese Phänomene als
Rent-seeking Problem ausführlich beschrieben. Es ist allgemeiner Konsens, dass
diese Aktivitäten zu einem gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsverlust führen.
[33] Der Begriff Armut wird in der Literatur sehr unterschiedlich
definiert. Allgemein bezeichnet man eine Person als „arm“, die nicht fähig ist,
sich den nötigen Lebensbedarf ohne fremde Hilfe zu beschaffen.
[34] Extrem arm ist wer mit einen Einkommen unter 1 US$ am Tag auskommen
muss.
[35] Quelle: CORDES
[36] El Universio vom 16 Mai 1990, A6
[37] Rodrik (2000)
[38] Unzureichende Bankenaufsicht und überstürzte Liberalisierung des
Bankensektors führten 1999 zu einem Zusammenbruch des Finanzsektors in Ecuador
[39] Vgl. Rodrik (1994)